SCHULE VON FONTAINEBLEAU um 1570/80 „Diana & Akteon“

Öl auf Holztafel
77 x 108 cm

Bei diesem ausdrucksstarken Gemälde handelt es sich um die mythologische Darstellung von Diana und Aktaion, geschaffen von einem Maler der Schule von Fontainebleau um 1570/80. Das Medium ist Öl auf Eichentafel und die Maße sind 77 x 103 cm. Die Gruppe von Künstlern arbeitete beim Schloss Fontainebleau südlich von Paris – die bevorzugte Residenz des französischen Königs Franz I. (1494-1547) –vom 16. bis zu Anfang des 17. Jahrhunderts im Stil des Manierismus und konzentrierte sich vorwiegend auf Bildthemen der griechisch-römischen Mythologie. Die sogenannte Erste Schule von Fontainebleau (1530-70) bilden italienische Künstler, die Franz I. einlud, das Schloss auszustatten. Unter Heinrich IV. (1553-1610) wurde das Schloss restauriert, wobei diesmal flämische und französische Künstler jene Arbeiten ausführten, die als Werke der Zweiten Schule von Fontainebleau (1590-1620) gelten.

Nach Ovid überrascht der Held Aktaion nach der Jagd die Göttin Diana mit den Nymphen beim Bade bei einer Grotte im Wald. Erbost, dass ein Sterblicher sie unbekleidet gesehen hat, verwandelt Diana ihn in einen Hirsch, der bald darauf von seinen eigenen Jagdhunden zerfleischt wird. In diesem Gemälde ist der Moment des Aufeinandertreffens gezeigt: Der als römischer Feldherr mit Speer und Schwert bewaffnete, imposant wirkende Aktaion, umringt von drei Jagdhunden, blickt zu Diana, die sich allerdings einer der drei Nymphen zugewandt hat. Diese springen erschreckt auf und sehen zum Eindringling hinauf. Diana sitzt auf einem roten Tuch neben einer brunnenähnlichen Anlage; die Bronzeskulptur eines bärtigen Flussgottes betont, dass sich die Szene bei einer Quelle abspielt. Die Nymphen erscheinen in Aufruhr; eine verweist anklagend auf den Helden und eine andere wendet sich Aktaion gestikulierend zu, während die dritte zurückweicht, nach einem grünen Tuch greift und sich auf einer Vase abzustützen scheint. Die Göttin selbst trägt jedoch ein beinahe selbstzufriedenes Lächeln, denn der Ausgang der Geschichte ist bereits im Hintergrund zu sehen: Der verwandelte Aktaion, zwar in Rüstung aber mit Hirschkopf, ist gefallen und wird von seinen Hunden umkreist. Diese Anspielung setzt die Kenntnis des Mythos bei den Betrachtern voraus; derart raffinierte Details werden typischerweise in Werken der Schule von Fontainebleau eingesetzt.         

Bildthemen, die Aktdarstellungen und erotische Szenen integrieren, waren bei den Künstlern der Schule von Fontainebleau besonders populär, wie beispielsweise die „Allegorie auf die Geburt eines Prinzen von Frankreich“ um 1550/70 (Bildergalerie Sanssouci Potsdam GK I 5040). Besondere Merkmale sind außerdem der detaillierte Einbezug von Skulpturenschmuck, wie beispielsweise der Brunnen, sowie die verdichteten Figurengruppen um die Hauptfigur Diana. Die Frauenfiguren tragen weiters charakteristisch hochgesteckte, geflochtene Frisuren mit Diademen. Zusätzlich betont die manieristische Überlängung der Figuren die Dramatik der Szene, während die starken Konturen der scharf modellierten Körper sowie die kühle Farbwirkung den Betrachter von dem mythologischen Geschehen gekonnt distanzieren. Die stark ausgearbeitete Muskulatur der Frauenfiguren ist mit der Nymphendarstellung von René Boyvin vergleichbar (MET 32.105). Auch eine Version als Ölgemälde aus dem dritten Viertel des 16. Jahrhunderts ist bekannt und mit diesem Gemälde in der Modellierung der Frauenkörper verwandt (MET 42.150.12). Die Darstellung des Aktaion erinnert ebenfalls an das Bildnis von Heinrich IV. als Mars (Château de Pau) von Jacob Brunel aus der zweiten Schule von Fontainebleau. Eine ähnliche Vase als Zierelement im Zusammenhang mit einer Aktfigur ist im Gemälde von Jean Cousin dem Älteren, betitelt „Eva Prima Pandora“ (Louvre RF 2373), zu sehen.

Das Thema der Diana ist bereits in Werken der ersten Schule von Fontainebleau um 1525/1550 (Louvre RF 1952 28) und um 1540/60 vertreten (Louvre INV 445). Ebenso befindet sich eine weitere Darstellung vom Bad der Diana, gemalt von François Clouet im dritten Viertel des 16. Jahrhunderts, im Musée des Beaux-Arts de Rouen (1846.1). Am verwandtesten ist jedoch die Komposition und Ausführung eines Gemäldes von Diana beim Bade um 1560/1600 (Louvre 1941 9), welches in der Nachfolge des flämischen Malers Frans Floris (c. 1516-1570) und seiner Schule steht: Diana ist ebenso ruhig mit ausgestreckter Hand gezeigt, während die drei Nymphen im Vordergrund gestikulieren oder versuchen, sich zu bedecken. Aktaion naht mit ähnlich wehendem rotem Mantel heran; jedoch mit eher abwehrender Geste als in überrascht-offensiver Manier wie bei dem hier vorliegenden Bild. Ebenso ähnlich ist die konturiert-akzentuierte Modellierung der Körper, die Physiognomie und der Kopfschmuck der Frauen sowie die übergeordnete kühle Farbigkeit. Daher kann dieses Gemälde in die Tradition von der Zweiten Schule von Fontainebleau eingeordnet werden. Es wirkt lebhafter und dynamischer als das Exemplar im Louvre, nicht zuletzt aufgrund der aktiveren Bewegungen und Gestik der Figuren, welche in einer verstärkten Unmittelbarkeit der Szene resultieren.   

Vergleiche

https://artsandculture.google.com/asset/allegorie-auf-die-geburt-eines-prinzen-von-frankreich-schule-von-fontainebleau/XgG83agWRNKyrw?hl=en

https://www.metmuseum.org/art/collection/search/358361

https://www.metmuseum.org/art/collection/search/436410

https://chateau-pau.fr/collection/objet/portrait-dhenri-iv-en-mars

https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010063633

https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010062791

https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010064749

https://www.pop.culture.gouv.fr/notice/joconde/07290021686

https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010059475