HANS MAKART 
Salzburg 1840 – 1884 Wien
„Rückenakt“

Um 1870/75
Öl auf Leinwand
32,5 x 47,5 cm

Hans Makart hat seine überragenden Fähigkeiten nicht nur für vielfigurig bevölkerte Riesenleinwände und für nicht minder respektheischende Portraits  verschwendet. Er hat sie auch in kleiner, umso kostbarerer Münze – als Skizze, Studie oder Etüde – ausgestreut. Neben dem Hang zum Grandiosen gibt es in seiner Malerei einen nicht minder ausgesprägten Zug zum Intimen. Dabei wurde die Lockerheit, ja Duftigkeit der Ausführung gegenüber dem strengeren Duktus der Hauptwerke stets als Vorzug empfunden. Ein Nachteil ist, dass in diesen Kleinformaten, die man als Splitter des Makart´schen Gesamtkunstwerks bezeichnen könnte, meistens keine Signatur vorhanden ist – so auch in dem vorliegenden kleinen Aktgemälde,

Wäre es nicht ein letztlich zu allgemeines Merkmal, so könnte man bereits in der Rückenansicht einen Hinweis auf Makarts Autorschaft sehen, denn  das Abweichen von der „Schauseite“, sei´s im Akt oder Bildnis, hat er gerne als Kunstmittel, angewandt. Ein anderes typisch Makart´sches Charakteristikum ist, dass der Künstler sogar in die klassisch-ruhige  Lagerung seines Modelles ein Bewegungsmotiv einführt, nämlich die  Streckung des rechten Arms, obwohl er eigentlich ins Unbestimmte greift – das Statische war eben nicht Makarts Element. Dieses Motiv wiederholt sich – ganz zwanglos, aber doch –  im Geäst des vegetabilen Hintergrundes und stellt damit eine enge  Verbindung zwischen Figur und umgebender Natur her. Die Liegende wird damit als Naturgeschöpf ausgewiesen, einverwoben in ihre pflanzliche Umgebung, die bei Makart aber immer etwas Künstliches hat.

Sehr typisch für seine Malerei ist die fast anheimelnd warme Sepiatönung des ganzen Bildraumes, hier in Übergängen vom rötlichen Boden bis zur herbstlichen Fahlheit des Hintergrundes. Diese einheitliche Farbstimmung  wird nur vom, durchs Geäst hereinbrechenden kalten Himmelblau „gestört“, das Makart – wie auf so vielen Werken – als dramatischen Farbeffekt gegenüber dem homogenen Braunton einsetzt.

Die fast übertrieben geschmeidigen Rundungen des Aktes könnte man mit einer erotisierenden Wirkung erklären, aber auch als Indiz für die angebliche „Knochenlosigkeit“ von Makarts Körperauffassung anführen – ein oft gegen Makart verwendetes Argument, das aber an dieser Stelle angesichts der ungemein stimmigen Komposition den Kürzeren ziehen muss.

Es gibt eigentlich nichts an diesem Bild, was nicht für Makart spricht, und es steht daher außer Zweifel, dass es sich um ein Werk von seiner Hand handelt; ein Kabinettstück, das trotz des kleinen Formats ein in sich abgerundetes Gepräge hat, ein eigenständiges Werk ist. Was die zeitliche Einordnung betrifft, so kommen am ehesten die Jahre 1870/75 in Frage.

Nikolaus  Schaffer