SPÄTROMANISCHE MADONNA
„Sedes Sapientiae“

Schweiz/Wahliss
Um 1250
Kiefernholz/Zirbe?
Höhe 65,5 cm

Provenienz:
Tiroler Privatsammlung

Diese sitzende Madonna im Typus des Sedes Sapientiae („Sitz der Weisheit“) wurde in der Mitte des 13. Jahrhunderts aus Zirbenholz geschnitzt (65,5 cm). Angelehnt an den alttestamentlichen Thron des Salomon ist Maria mit dem Jesuskind – die Verkörperung der Weisheit –  auf dem Schoß dargestellt. Im 13. Jahrhundert erfreute es sich besonderer Popularität und weiter Verbreitung.

            Auf einem ausladenden Stuhl thronend sind Maria und Kind blockhaft-statisch abgebildet. Das Jesuskind ist in gleicher Haltung wie seine Mutter über ihrem linken Knie gezeigt. Maria drückt das Kind mit der linken Hand an sich; Jesus hält eine Kugel in seinen Händen, die den Status Christi als Weltenherrscher betont. Die Gesichtsphysiognomie der Figuren ist markant hervorgehoben, mit gewölbten Wangen-, Stirn- und Kinnpartien. Beide schauen gerade nach vorne. Maria trägt einen Schleier, wobei die Krone darüber entweder abgearbeitet zu sein scheint oder die raue Fläche auf der Kalotte darauf hinweist, dass Maria eine Metallkrone trug. Die Gewandfalten des Kleides fallen geradlinig ihren Oberkörper herab und sind am Unterkörper voluminös-stilisiert herausgearbeitet: In einer diagonalen Bewegung fallen drei Schüsselfalten über das rechte Knie. Dicke Faltenstränge breiten sich wellenartig nach rechts aus, wobei dies einen Aspekt der Dynamik in die sonst starre Komposition bringt.

            Die ersten bekannten Darstellungen der  Sedes Sapientiae um 1200 entstanden aus vergoldetem und emailliertem Kupfer über einem Holzkern in Limoges, Frankreich, wobei auch hier das Kind über dem linken Knie der Madonna thront und die Falten asymmetrisch über das rechte Knie Marias fallen (Vergleich: Cinquantenaire Museum, Brüssel). Besonders in Nord- und Ostfrankreich ist dieser Typus im 13. Jahrhundert anzutreffen, wobei die strenge frontal-aufgerichtete Position an Beispiele des 11. Jahrhunderts erinnert (Vergleiche: Vierge d’Hermale sous Huy, Musée Royaux d’Art et d’Historie de Bruxelles; Vierge d’Evegnée, Musée diocésain de Liège). Jedoch zeigen der als Bank dargestellte Thron und die flachen Kronen Einflüsse aus der nördlichen Auvergne und Burgund. Vergleichbar ist eine Skulptur des Rijksmuseums, die ca. 1250-60 datiert wird, aufgrund der Kopfbedeckung Marias und dem scharfgratigem Faltenwurf. Im Gegensatz dazu kann die sogenannte Königsfelder Madonna (ca. 1260) aus der Pfarrkirche St. Nikolaus im Landkreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz als nächstverwandter Vergleich dienen: Der Haarschmuck, die Krösenfrisur, der über die Schultern gelegte Mantel sowie die Draperie der Schüsselfalten über Marias rechtem Knie weisen eindeutige stilistische Ähnlichkeiten auf.

Vergleiche:

http://elogedelart.canalblog.com/archives/2009/06/24/14197834.html

http://mullanyfineart.com/view/enthroned-virgin-and-child-sedes-sapientiae-eastern-france-last-quarter-12t

https://www.metmuseum.org/art/collection/search/467997

http://mullanyfineart.com/view/sedes-sapientiaeenthroned-virgin-and-child

https://www.rijksmuseum.nl/en/collection/BK-1954-40