MUSEALE MADONNA


Museale Madonna
Nikolaus Weckmann
Ulm 1481 - 1526 Ulm

Lindenholz geschnitzt
Polychrom gefasst & vergoldet
Höhe 132 cm

Museale Madonna – Niklaus Weckmann

Niklaus Weckmann war ein bedeutender Bildhauer, der im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert vor allem in der süddeutschen Stadt Ulm tätig war. Berühmt für seine detaillierten Schnitzarbeiten aus Holz, wird Weckmann mit der Ulmer Schule in Verbindung gebracht, die Elemente des spätgotischen Realismus mit den aufkommenden Idealen der Renaissance verband. In seiner Werkstatt entstanden zahlreiche religiöse Skulpturen, Altarbilder und Andachtsfiguren, die eine bedeutende Rolle in der Kunstlandschaft seiner Zeit spielten. Weckmanns Werke zeichnen sich durch naturgetreue Details, emotionale Tiefe und eine raffinierte Behandlung der Draperie aus.

Diese Madonna von Niklaus Weckmann ist eine meisterhafte Darstellung der Jungfrau Maria, die sich sowohl durch Eleganz als auch durch Komplexität auszeichnet. Sie ist vergleichbar mit jener des Flügelreliefs des ehemaligen Hochaltars der Pfarrkirche Attenhofen um 1515 (jetzt Museum Ulm). Maria ist anmutig stehend dargestellt und präsentiert das nackte Christuskind in ihren Armen. Ihre Augen sind leicht nach unten gerichtet, wahrscheinlich um den Betrachter in einer subtilen, kontemplativen Weise anzusprechen. Sie trägt einen traditionellen Schleier, der halb über ihr langes, gewelltes und in typisch gotischen Locken frisiertes Haar gelegt ist und sowohl ihren jungfräulichen Status als auch ihre mütterliche Würde unterstreicht. Dies ist ein charakteristisches Merkmal von Weckmann, ebenso wie das Spechtloch am Kopf der Marienfigur.

Die Drapierung ihres Gewandes ist äußerst detailliert und zeigt Weckmanns Fähigkeit, unterschiedliche Texturen zu schaffen – von glatten, „nassen“ Falten bis hin zu voluminöseren und dynamischen Faltenkonfigurationen. Maria steht auf einem Halbmond, einem Symbol ihrer unbefleckten Empfängnis, das oft mit Darstellungen der apokalyptischen Frau in Verbindung gebracht wird. Dieses ikonografische Element unterstreicht weiters ihren göttlichen Status und ihre Rolle als Königin des Himmels.

Das Jesuskind wird durch die große Schüsselfalte von Marias Mantel hervorgehoben. Maria berührt das Kind nicht direkt, sondern nutzt den Mantel, um es dem Betrachter zu präsentieren. Dieses subtile Detail unterstreicht die göttliche Natur Christi und unterstreicht dessen Präsentationswürdigkeit. Jesus sitzt schräg auf Marias Arm und hat seine kleinen pummeligen Füße gekreuzt, was der Komposition einen Hauch von Naturalismus und Unschuld verleiht. In seiner linken Hand hält er eine Kugel, die seine Rolle als Salvator Mundi, als Retter der Welt, symbolisiert, während seine rechte Hand in einer segnenden oder sprechenden Geste erhoben ist. Sein Ausdruck ist lebhaft, mit leicht geöffneten Lippen und wachen Augen, die durch die geröteten Wangen komplementiert werden und die Figur zum Leben erwecken.

Diese Skulptur verkörpert die stilistischen Merkmale der Spätgotik, die sich durch realistische Details und die Betonung der Menschlichkeit der Andachtsfiguren auszeichnet. Die komplexen Falten des Gewandes Marias und die lebensechte Mimik der beiden Figuren spiegeln Weckmanns Fähigkeit wider, sowohl die spirituelle Bedeutung als auch die menschliche Wärme seiner Motive einzufangen. Maria und das Jesuskind bilden nicht nur ein Andachtsobjekt, sondern auch ein Zeugnis des handwerklichen Könnens und des künstlerischen Empfindens des Bildhauers, das ihn zu einer bedeutenden Figur in der Entwicklung der deutschen Bildhauerei am Übergang von der Gotik zur Renaissance macht.

Literatur:

Barbara Maier-Lörcher, Meisterwerke Ulmer Kunst, Ostfildern 2004.

Brigitte Reinhardt (Hrsg.), Michel Erhart & Jörg Syrlin d. Ä.: Spätgotik in Ulm, Ulm 2002.

Barbara Schäuffelen und Joachim Feist, Ulm: Porträt einer Stadtlandschaft, Stuttgart 1987.