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APOTROPÄISCHE TEUFELSFIGUR

Romanisch
Tirol oder Graubünden 
12./13. Jahrhundert 
Kiefernholz geschnitzt 
Originale Fassung 
Höhe 151 cm 

 

Bei dieser singulären Figur handelt es sich um eine dämonische, teufelsähnliche Gestalt, die aus einem Teil eines langen Tram aus Kiefernholz (Länge 151 cm) geschnitzt wurde. Vermutlich stellt diese Bauplastik ein architektonisches Element einer hölzernen Decke dar, entweder in einer Burg oder einem Rathaus, kann stilistisch der Region Graubünden bis Südtirol zugewiesen werden und datiert aus dem 12./13. Jahrhundert. Besonders beachtlich sind die alten Fassungsreste des Balkens. Als Inbegriff des Bösen wird der Teufel entweder als Einzelfigur oder innerhalb einer Gruppe dämonischer Gestalten gezeigt. In der Bibel selbst findet sich keine Beschreibung des Teufels; daher lag es an den Bildschnitzern, passende physiognomische Merkmale zu erfinden. Typisch ist die Vermengung mit Charakteristika paganer, griechisch-römischer Götter, wie Bocksfüße oder Tatzen und Widderhörner des Gottes Pan. Eigenheiten der Romanik sind die drastisch geweiteten Augen sowie die tief liegenden Augenbrauen bzw. das dichte Haupthaar, das sich in abstrahierter Manier zu einem Horn einrollt. Weitere physiognomische, fast animalische Einzelheiten sind die dicke knollige Nase und der übergroße Mund mit spitzen Zähnen und einer langen, ausgestreckten Zunge, die das wappenförmige Schild berührt, das der Dämon in den Händen hält. Die hockende Teufelsfigur, die in starker Frontalität gezeigt ist, präsentiert das Schild vor dem Körper, wobei dies auf die repräsentative Funktion von Heraldik schließen lässt. Dabei handelt es sich um eine einzigartige Darstellung der Synthese von heraldischer und apotropäischer Funktion. Derartige furchteinflößende Gestalten haben apotropäische, also unheilabwehrende Wirkung und dienen daher dem Schutz des Bauwerks. Dies erklärt, warum Häuser mit derartigen Motiven dekoriert wurden, beispielsweise in Form von Wasserspeiern bei Kathedralen. Unsere Skulptur hat nun eine Doppelfunktion des Schutzes sowie des Tragens eines Familienwappens, vermutlich von jener Familie, die das Gebäude stiftete, für das diese Teufelsgestalt ursprünglich intendiert war. Besonders prominent ist die Mimik der Figur sowie die herausgestreckte Zunge. Die Bibel misst der Zunge als Symbol für die Sprache eine große Bedeutung zu, da sich dadurch eine mächtige Stimme oder eine Gottheit manifestiert. Im Zusammenhang mit der Medusa, einer weiteren apotropäischen Figur, wird damit ein alles-verschlingender Hunger angedeutet. Beim Teufel kann die herausgestreckte Zunge auch als Anzüglichkeit sexueller Art interpretiert werden.

 

Dieses Motiv ist seit dem 11. Jahrhundert als Attribut des Teufels bekannt, in Verbindung mit Angst, Blasphemie und Sünde, wobei dies wiederum mit der dämonischen Sphäre assoziiert wird. Es hat wohl auch eine warnende Wirkung auf den Betrachter, da es als visuelles Zeichen des Sprechens gesehen werden kann. Hier wird dieses Motiv allerdings spielerisch eingesetzt, um den Fokus auf das Wappenschild zu lenken, welches mit großer Sicherheit ursprünglich mit heraldischen Zeichen des Stifters bemalt war. Vergleichbare Darstellungen von Sündern, die vom Teufel gefressen werden, finden sich z.B. als Architekturplastik in der Peterskirche in Chauvigny aus dem 11./12. Jahrhundert. Hier streckt der nackte Sünder die Zunge heraus und wird von einem löwenartigen Wesen verschlungen, das den Sterblichen mit zwei seiner Tatzen an sich gedrückt hält. Dies ist mit folgendem Bibelzitat vergleichbar: „Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann.“ (1 Petr 5,8). Eine Teufelsfigur mit ähnlichen physiognomischen Merkmalen und herausgestreckter Zunge findet sich am Fürstenportal in Bamberg (um 1230). Weitere Dämonenfiguren befinden sich am Tympanon der Westfassade der Klosterkirche Sainte-Foy in Conques aus dem 12. Jahrhundert. Beispiel einer hockenden Figur ist das Figurenpaar an den Seiten des Rosettenfensters des romanischen Portals der Chiesa dei Santi Giovanni e Reparata in Lucca, ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert. Ein weiteres singuläres Exemplar eines Teufels mit tragender Funktion ist der Dämon Asmodeus, welcher ein Weihwasserbecken trägt, in der Kirche Sainte Marie-Madeleine in Rennes-le-Château, die 1059 geweiht wurde. Bei diesem sehr frühen, hochmusealen Objekt des Mittelalters handelt es sich um ein äußerst rares Architekturelement in großartigem Erhaltungszustand, welches der sogenannten „alpinen Straße der Romanik“ zugeordnet werden kann, die aus fast drei Dutzend romanischen Kulturstätten zwischen dem heutigen Südtirol und Graubünden besteht. Unter anderem befinden sich ähnliche Darstel-lungen von Fabeltieren oder Monstern am Eingang zur Burgkapelle in Schloss Tirol (1125-40). Diese bereits um 1100 erbaute Wehranlage war der  Sitz der Grafen von Tirol. Im Rittersaal des Schlosses welches von Graf Meinhard II im 13. Jahrhundert neuerlich erweitert wurde, finden sich Decken-Balken mit vergleichbarer Fassung.

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