Sitz der Weisheit: Eine Darstellung um 1330
Die Madonna als Sedes Sapientiae („Sitz der Weisheit“) gehört zu den zentralen ikonographischen Darstellungen Marias in der mittelalterlichen Kunst, deren Ursprung wohl in der byzantinischen Tradition liegt. Dieses besondere Motiv der thronenden Jungfrau mit dem Christuskind auf dem Schoß betont ihre Rolle als Mutter Gottes und als Verkörperung der göttlichen Weisheit. Solche Bilder wurden wegen ihrer Andachtsfunktion hochgeschätzt, da ihre symbolische, frontale Darstellung die Zuwendung des Betrachters gleichermaßen zu Maria und Christus lenkte. Skulpturen dieser Art bildeten häufig die Mittelpunkte in Kirchen und Kapellen und luden zu Gebet und Verehrung ein, insbesondere in klösterlichen und religiösen Gemeinschaften, in denen die Marienfrömmigkeit eine zentrale Rolle spielte. Als Sedes Sapientiae erscheint Maria nicht nur als Mutter, sondern vor allem als Thron Christi – ein Bild, das ihre einzigartige Stellung in der göttlichen Ordnung unterstreicht.
Materialität & Komposition
Die vorliegende Skulptur entstand um 1330 und ist aus Holz geschnitzt, mit Resten ihrer originalen Polychromie. Maria sitzt auf einem ausladenden Thronsessel; die Rückseite ist in Rechteckform teilweise gehöhlt, wobei dies einen Hinweis auf die Herstellungstechnik gibt. Typisch für diese Zeit ist der gelängte Oberkörper Marias, der wohl auf eine erhöhte Anbringung der Figur im sakralen Raum verweist.
Haltung & Blick
In ihrem linken Arm hält sie das ebenfalls gekleidete Jesuskind fest an sich gedrückt, das zu seiner Mutter hinaufblickt. Mit der rechten Hand scheint Maria nach dem Kind zu greifen und es zugleich dem Betrachter zu präsentieren. Obwohl Maria in frontaler Position gezeigt ist, dreht sich ihr Körper leicht zur Seite. Ihr Blick ist nach unten gerichtet, etwas am Kind vorbei – wohl auf die Fürbitter. Damit wird das streng Frontale der romanischen Darstellungen dieses Typus durchbrochen und aufgelockert, wodurch Mutter und Kind einen naturalistischeren, lebensnäheren Ausdruck erhalten. Maria erscheint dadurch zugleich als Identifikationsfigur für die Betrachter.
Technik & Polychromie
Die Figur ist beinahe als Halbrelief geschnitzt. Der rechte Arm ist original, beweglich angesetzt. Auch die ursprüngliche Farbfassung ist sehr gut erhalten: Marias Kleid erscheint in Weiß, darüber trägt sie einen goldenenMantel. Über ihrem Kopf liegt ein weißer Schleier, der sich in Falten über ihre Schultern legt und das schulterlange Haar rahmt.
Draperie & Stil um 1330
Die Faltenführung ist für diese Epoche bezeichnend: Sie verbindet die streng und klar gegliederte Ausbildung des Oberkörpers mit einer bereits auflockernden Draperie am Unterkörper. Kantige Brüche um die linke Armbeuge und die flach, doch sorgfältig gelegten Partien des Unterkörpers mildern die Strenge und verleihen der Figur eine verhaltene Lebendigkeit.
Regionaler Kontext
Möglicherweise stammt die Skulptur aus dem rheinländischen Raum. Dafür sprechen stilistische Merkmale der Draperie – die insgesamt flache Faltenführung mit ruhig geführten Bahnen, die sich am Unterkörper in sorgfältig gestaffelten, teils kantig gebrochenen Partien (etwa an der linken Armbeuge) verdichten – sowie physiognomische Details: tief liegende, mandelförmige Augen mit leicht gesenkten Lidern und ein den Mund umspielendes, feines Lächeln. Diese Ausarbeitung verleiht der Darstellung jenen milden Ausdruck, der für Arbeiten des 14. Jahrhunderts aus dem Rheinland charakteristisch sein kann.
Literatur
Ilene H. Forsyth, The Throne of Wisdom: Wood Sculptures of the Madonna in Romanesque France, Princeton 1972.





