MONUMENTALER CHRISTUS


Monumentaler Christus
Steiermark
Um 1490
Lindenholz geschnitzt
Reste von Polychromie
Höhe 150 cm

Zum lebensgroßen Kruzifixus

In seinem „Sack“- artig herabhängenden Corpus dessen kraft des linken Schulter-Ansatzes die Arme ursprünglich in schräg ansteigender Pose vorzustellen sind und bei dem außerdem die Füße fehlen, besticht vor allem die in ihren plastischen Oberflächen enthaltene subtile formale Interpretation des Inkarnats und der geriffelten Artikulierung der Haarsträhnen, die seitlich in großformigen Wellen gleichsam herabtriefend gegeben sind und –vor allem— im physiognomischen Ausdruck, in dem der zuvor inhaltlich überstandene Schmerz scheinbar zu einer erstarrenden Ruhe gekommen ist. Im auffälligen Kontrast zur betont vertikalen Haltung des Corpus, dessen Axialität durch die sanfte Neigung des Oberkörpers nach links zu und im Akkord mit den parallel gelagerten Beinen eine spannungsintensive Nuance erfährt ergibt das nach links geneigte Haupt in seinem intensiven Gesichtsausdruck in der markant nach vorne geneigten Pose eine trotz des inhaltlichen „erstorben Seins“ betont vitale und zugleich expressive Komponente in der skulpturalen Realisierung. Just diese artikulierte Neigung des Haupts verleiht dieses Skulptur im Zusammenhang mit der anatomisch exakten Wiedergabe des Brustkorbs, sowie der Muskulatur bei den parallel gelagerten Knien jenen ausdruckstarken Spannungskoeffizienten, der diesen Kruzifixus im Vergleich zu zahlreichen thematisch übereinstimmenden geschnitzten Bildwerken seinen offensichtlichen „Sonderstatus“ verleiht. Zwischen den „anatomisch“ exakt wiedergebenen Partien im Brustkorb und bei den Beinen „vermittel“ das Lendentuch mit seinen spitz-parabolischen, abwärts drängenden Schüsselfalten und den an den Flanken der Hüfte herabhängenden Draperie-Endungen einen unruhigen Kontrast, wie ein solcher zu den lebhaften „Formen-Verdichtungen“ in den Haaren des Haupts korrespondierend wirkungsvoll ist. Sowohl bei letzteren, als auch bei ersteren sind übrigens die einzigen Zonen innerhalb dieser Skulptur, wo in unterschiedlichen Dimensionen Reste der vorauszusetzenden Polychromierung vorzufinden sind. Analog die „wogende“ Oberfläche am Brustkorb deutlich den Bereich von den Herz- und Lungen- Partien im Kontrast zur einsinkenden Magengrube differenziert –und der markant linear konturierte Lanzenstich just am rechten Knorpelbogen in seiner Eigenschaft des plötzlichen Erfolgtseins als wirkungsvoller Gegensatz zum „edel geglätteten“ Inkarnat gegeben ist–, so kulminiert diese gestalterische Methodik in der Physiognomie, wo die hohe „Kalotten“ artig gekurvte Stirne im Akkord mit den weit gekrümmten Augenbrauen in deren kontinuierlichen Übergang zu langen Nase in Abstimmung auf die tiefliegenden Augenhöhlen mit ihren fast ganz geschlossenen, in stereometrischer Rundung begriffenen Lidern, sowie in den „sphärisch gebogenen“ Wangen im durch den Bart separierten, nach oben gebogenen „Mondsichel“- artigen Mund den „zur Ruhe gelangten“ vorherig erlittenen Todesschmerz in einem verhaltenen Subsumieren ausdrückt.

Obwohl am ganzen Corpus zahlreiche, unterschiedlich lange und schmale risse innerhalb dieses monolithischen Holzblocks festzustellen sind, weshalb auf eine zumeist zeitweise Präsenz der Figur im Freiraum geschlossen werden kann, erklärt sich der Umstand, dass am Haupt derartige Risse nicht vorkommen, eben aus der starken Neigung des Haupts selbst das gleichsam einen „Schirm“- artigen Schutz bildete! So sehr die mehrfach erwähnte Neigung des Haupts Christi in dieser außergewöhnlich markanten Form und zusätzlich zum spannungsintensiven Kontrast zum „sackartig“ hängenden Körper zunächst befremden mag, so dient just dieser Umstand als essentielles Kriterium für eine kunsthistorische Zuordnung: Im sogenannten steirischen „Mühlauer Kruzifixus“ (heute in Graz, Alte Galerie des Joanneum, Schloss Eggenberg) aus dem 3. Viertel des 13. Jahrhunderts, das alsbald Nachfolge-Bildwerke nach sich zog, so ist auch für den in Rede stehenden Kruzifixus, der eine unverkennbare spätgotische Variante dieses Typus nunmehr im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts darstellt, eine genuin steirische Herkunft unverkennbar. Angesichts der hervorragenden bildhauerischen Qualität in der Schnitzerei darf, sowohl seitens der vorauszusetzenden Auftraggeberschaft und erst recht seitens des ausführenden Bildschnitzers, ein wohl prominentes Milieu angenommen werden. In wie weit allenfalls die ursprüngliche Bestimmung dieses Kruzifixus für die von dem Brucker Handelsmann Kornmesser mitgestiftete Heilig-Geist-Kirche in Bruck an der Mur (1493 vollendet) relevant sein könnte kann zumindest vorläufig bestenfalls „spekulativ“ angenommen werden.

Dr. Arthur Saliger