ANNA SELBDRITT


ANNA SELBDRITT
Pilgerstraße / Südfrankreich?
Um 1200
Nussholz geschnitzt
Reste von polychromer Fassung
Höhe 64 cm

Die möglicherweise früheste bekannte Darstellung der Anna Selbdritt

Netzwerk der Pilgerstraße (wohl Südwestfrankreich)

Um 1200

Nussholz geschnitzt mit Resten polychromer Fassung

Höhe 63,5 cm

Die Darstellung der heiligen Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind, als Anna selbdritt bezeichnet, veranschaulicht die unmittelbare, über drei Generationen verlaufende menschliche Abstammung Christi. Die heilige Anna wird dabei nicht lediglich als Großmutter Jesu gezeigt, sondern als Ausgangspunkt seiner irdischen Genealogie und damit als Quelle seiner Menschlichkeit. Diese Darstellung gewann im Verlauf des 13. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung. Die ineinander verschachtelte Komposition verbindet die drei Figuren zu einer geschlossenen genealogischen Einheit: Anna trägt Maria, Maria trägt Christus. 

Der Bildtypus greift unverkennbar auf die ältere romanische Darstellung der Sedes Sapientiae, des „Thrones der Weisheit“, zurück. In dieser erscheint Maria als Thron des menschgewordenen göttlichen Logos. Bei der Anna selbdritt wird das Prinzip um eine weitere Generation ergänzt: Anna bildet gleichsam den Thron Mariens, während Maria ihrerseits Christus trägt. Die hierarchische Verkleinerung der Figuren macht die Generationenfolge unmittelbar sichtbar und verleiht der Darstellung zugleich eine streng theologische Ordnung. 

Beschreibung

Auf einem blockhaften Thronsitz mit architektonisch gegliederter Seitenlehne sitzt die heilige Anna in streng frontaler und aufrechter Haltung. Anna beherrscht die Komposition durch ihre monumentale Größe. Vor ihrem langgestreckten Oberkörper sind Maria und das Jesuskind in stark verkleinertem Maßstab übereinander gestaffelt. Die kindlich klein wiedergegebene Maria sitzt zentral auf Annas Schoß, zwischen ihren auseinandergestellten Beinen und Füßen. Auf Marias Schoß wiederum erscheint das Jesuskind. Die Komposition folgt einer beinahe vollkommenen Mittelachse, aus der allein das leicht zur Seite gerückte Jesuskind hervortritt. Gerade diese geringfügige Verschiebung belebt die ansonsten streng symmetrische und geschlossene Gruppe.

Anna legt ihren linken Arm schützend um Maria und Christus. Die Fingerspitzen reichen bis an den Körper des Kindes und stellen so eine unmittelbare Verbindung zwischen der ältesten und der jüngsten Generation her. Die nicht mehr erhaltene rechte Hand dürfte diese umfassende Haltung ursprünglich gespiegelt oder ergänzt haben. Maria und das Kind werden von ihr gehalten und eingefasst. Die strenge Frontalität, die symmetrische Grundordnung und die hierarchischen Größenverhältnisse entsprechen einer von der romanischen Bildauffassung geprägten Formensprache. 

Nach heute sichtbaren Fassungsresten trug Anna ursprünglich ein weißes Kopftuch, ein grünes Gewand und einen roten Mantel. Das Weiß des Kopftuchs könnte Reinheit, Tugend und geistige Würde widerspiegeln. Grün verweist auf Leben und Hoffnung und erscheint im Zusammenhang mit Anna besonders passend, da sie als Ursprung der menschlichen Genealogie Christi verstanden wird. Der rote Mantel kann für Liebe aber auch für die künftige Passion Christi stehen. Maria ist durch ihr blaues Gewand und die französisch anmutende Krone hervorgehoben: Blau wurde zunehmend mit dem Himmel, göttlicher Weisheit und der besonderen Würde der Gottesmutter verbunden, während die Krone sie als Himmelskönigin auszeichnet. Das Jesuskind war in ein grünes Gewand gehüllt, das eine Parallele zu Annas Kleid bildet. Die farbliche Staffelung unterstützt somit auch die heilsgeschichtliche Ordnung der Gruppe: Anna erscheint als genealogischer Ursprung, Maria als königliche Gottesmutter und Christus als menschgewordener Erlöser.

An den Beinen der drei Figuren fällt das Gewand in kantig gebrochenen, von hohen Graten begrenzten Falten herab. Trotz ihrer geometrischen Organisation besitzen die Falten eine weiche, beinahe teigige Substanz. Die Gewandbahnen liegen nicht dünn über den Körpern, sondern erscheinen als schwere, eigenständige Masse. Unter Annas Gewand treten auf beiden Seiten symmetrisch die spitz zulaufenden Schuhe hervor. Die senkrechte Teilung zwischen den Beinen verstärkt die monumentale Frontansicht und die formale Geschlossenheit der Skulptur. Das Jesuskind sitzt aufrecht auf dem Schoß Mariens. Seine rechte Hand ist zum Segensgestus erhoben, während der linke Arm vor dem Körper angewinkelt ist und wohl ein Attribut wie Reichsapfel oder Frucht hielt. Diese Haltung kennzeichnet Christus als segnenden Erlöser. 

Physiognomien

Annas langgestrecktes Gesicht wird von dem enganliegenden weißen Kopftuch eingefasst, das den Kopf vollständig umschließt, unterhalb des Kinns den Hals bedeckt und in flachen, weitgehend symmetrischen Partien auf den Schultern aufliegt. Die Verhüllung kennzeichnet sie als verheiratete und ältere Frau und unterscheidet sie deutlich von der jugendlichen Maria. Ihr Gesicht ist durch große mandelförmige Augen geprägt. Die kräftige, gerade Nase geht in ein deutlich hervortretendes Philtrum über, unter dem der schmale Mund liegt. Die streng auf den Betrachter gerichteten Augen und die weitgehend unbewegte Mimik verleihen Anna eine würdevolle, nahezu entrückte Erscheinung.

Maria besitzt ein schmaleres und jugendlicheres Gesicht. Ihre mandelförmigen Augen sind kleiner als jene Annas; die kurze, leicht aufwärts gerichtete Nase und der kleine Mund mildern die strenge Frontalität. Auf ihrem Haupt sitzt eine Krone, unter der sie allerdings kein verhüllendes Kopftuch trägt. Stattdessen fallen lange, gerade Haarsträhnen seitlich herab. Dieser Gegensatz zur vollständig verhüllten Anna verdeutlicht sowohl Marias Jugend als auch ihren Status als Jungfrau.

Das Gesicht des Kindes wird durch einen Mittelscheitel und gerade, bis zu den Ohren reichende Haarsträhnen gerahmt. Seine großen Augen, die markante Nase und der klar konturierte Mund verleihen ihm weniger kindliche als herrscherliche Züge. Damit fügt sich auch seine Physiognomie in die romanische Tradition des als göttliche Weisheit dargestellten Kindes ein.

Stilistische und typologische Einordnung

Bereits im 8. Jahrhundert zeigen Wandmalereien in Santa Maria Antiqua in Rom die heilige Anna mit ihrer Tochter Maria; dabei handelt es sich jedoch noch nicht um den späteren, aus drei ineinander gestaffelten Generationen gebildeten Bildtypus. Dieser ließ sich bisher als eigenständige plastische Komposition erst im 13. Jahrhundert sicher fassen. Zu den frühesten bislang anerkannten Skulpturen zählen die monumentale Anna selbdritt aus Stuck in St. Nikolai in Stralsund, die um 1260–1270 datiert wird, sowie die um 1290 entstandene Gruppe aus dem Rhein-Maas-Gebiet im Frankfurter Liebieghaus und die Gruppe von ca. 1230 aus dem Pustertal im Bergbau- und Gotik Museum, Leogang.

Die vorliegende Figur kann stilistisch um 1200 datiert werden und könnte somit die älteste erhaltene plastische Darstellung der Anna selbdritt überhaupt sein. Ihre Bedeutung läge dann in einer überraschend frühen, nahezu programmatischen Formulierung jenes Bildgedankens, der erst Jahrzehnte später größere Verbreitung fand: Anna trägt Maria, Maria trägt Christus – die menschliche Abstammung des Erlösers wird als geschlossene, körperlich ineinander verschränkte Generationenfolge sichtbar gemacht. Die kompositorische Voraussetzung hierfür bildet die romanische Sedes Sapientiae, der „Thron der Weisheit“. Die hierarchische Verkleinerung der Figuren, ihre Anordnung entlang einer gemeinsamen Mittelachse und der segnende Christusknabe sind daher nicht als bloße Wiederholung einer Madonnengruppe zu verstehen, sondern als konsequente Weiterentwicklung eines der zentralen romanischen Marienbilder.

Als typologische Vergleiche können mehrere frühe Sedes-Sapientiae-Gruppen herangezogen werden: die um 1150 entstandene Vierge en Majesté aus der Auvergne im Musée du Louvre (Inv.-Nr. RF 987), die ebenfalls aus der Auvergne stammende thronende Madonna von 1150–1200 im Metropolitan Museum of Art (Inv.-Nr. 67.153) sowie die dort bewahrte Virgin and Child in Majesty von etwa 1175–1200 (Inv.-Nr. 16.32.194a, b). Ihnen gemeinsam ist die streng frontale Staffelung von Mutter und Kind, die blockhafte Geschlossenheit und die Auffassung Christi als kleinformatige, aber herrscherlich auftretende Gestalt. Außerdem sind sie ebenfalls aus Nussholz geschnitzt. Nussholz wurde insbesondere für romanische Marienfiguren Mittel- und Südfrankreichs häufig verwendet. Daher unterstützt die Wahl des Holzes eine Einordnung in den französischen Kunstkreis. 

Für den nordspanisch-pyrenäischen Raum sind außerdem die beiden in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstandenen Madonnen von Ger und Gósol im Museu Nacional d’Art de Catalunya (Inv.-Nr. 065503-000 beziehungsweise 015936-000) aufschlussreich. Auch hier erscheinen Maria und Christus axial übereinander gestaffelt, auf einem architektonisch aufgefassten Thron sitzend und durch hieratische Frontalität miteinander verbunden. Jedoch sind die Physiognomien beim hier vorliegenden Beispiel deutlich feiner und die Krone äußerst filigran gestaltet. 

Ein möglicher Entstehungsraum zwischen Südfrankreich und Nordspanien

Die Verbindung mit dem südfranzösisch-nordspanischen Raum erscheint nicht zuletzt deshalb erwägenswert, weil sich dort im 12. Jahrhundert eine besonders dichte Tradition polychrom gefasster, thronender Marienfiguren entwickelte. Diese Region sollte jedoch nicht als schmale, geradlinige „Pilgerstraße“ verstanden werden. Die Wege nach Santiago de Compostela bildeten vielmehr ein weit verzweigtes Netzwerk aus Haupt- und Nebenrouten, Bischofsstädten, Klöstern, Märkten und regionalen Wallfahrtsorten. Durch dieses Netzwerk bewegten sich nicht allein Pilger, sondern auch Geistliche, Handwerker, Kaufleute, Reliquien, transportable Bildwerke und Kenntnisse über die Herstellung von Skulpturen. Es kann daher der wechselseitige kulturelle Austausch zwischen der Iberischen Halbinsel und dem übrigen Europa sowie die Funktion des Jakobswegs als religiöse und kommerzielle Achse hervorgehoben werden. 

Die vorliegende Figur scheint die ältere romanische Madonnenformel nicht nur übernommen, sondern in außergewöhnlicher Weise erweitert zu haben. Die monumentale Anna ersetzt Maria als äußersten und größten „Thron“, während die gekrönte, mädchenhaft verkleinerte Gottesmutter vor ihrem Körper sitzt und ihrerseits den segnenden Christus trägt. Eine solche Komposition könnte in einem Milieu entstanden sein, in dem die Sedes Sapientiae fest etabliert war, zugleich aber neue Formen genealogischer und marianischer Frömmigkeit aufgenommen wurden. Der südwestfranzösische, pyrenäische oder nordspanische Raum bietet hierfür einen plausiblen Entstehungshorizont. Als möglicherweise früheste erhaltene plastische Formulierung der Anna selbdritt nimmt die Gruppe eine kunsthistorisch herausragende Stellung ein: Sie überführt die hieratische Ordnung der romanischen Sedes Sapientiae in ein ebenso monumentales wie neuartiges Bild der menschlichen Genealogie Christi und könnte an einem der bedeutendsten künstlerischen und religiösen Netzwerke des mittelalterlichen Europas entstanden sein.